Geschichte der Hugenotten

 

Am 31. Oktober 1517 nagelte der 33 jährige Mönch Martin LUTHER "mit wuchtigen Hammerschlägen", wie die Legende sagt, seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg.
Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich die Nachricht von dieser öffentlichen Anklage, erreichte so auch die Universitätsstadt Paris.

Jean CALVIN, 1509-1564Der französischen Reformator Johannes CALVIN, am 10. Juli 1509 unter dem Namen "Jean CAUVIN" in Noyon (Frankreich) geboren, bekam als Theologiestudent in Paris ersten Kontakt zu den Lutheranern. Die Reformation beschäftigte ihn so sehr, dass er sich schon bald offen zu dieser Bewegung bekannte. Die Konflikte mit der staatlichen Kirche zwangen ihn 1535 aus dem katholischen Frankreich zu fliehen.
In der darauf folgenden und von ständigen Ortswechseln geprägten Zeit veröffentlichte er 1536 in Basel sein Lehrbuch: Institutio Christianae religionis.
Im selben Jahr wurde er von Guillaume FAREL in Genf aufgehalten und verbrachte dort zwei Jahre mit dem Aufbau der örtlichen protestantischen Gemeinde. Nach Streitigkeiten mit dem Genfer Stadtrat wieder unterwegs, traf Calvin mit anderen bedeutenden Reformatoren zusammen und veröffentlichte zahlreiche Bibelkommentare und andere Schriften. Aus ihnen wurde deutlich, dass ihm in allen seinen Bemühungen die Sorge um die innere Ordnung der Gemeinde und die Übereinstimmung von Lehre und Leben, auch bei den einzelnen Gemeindegliedern, wichtig war.
Seine Lehre prägte zunehmend auch die Protestanten in Frankreich, die sich durch die Anerkennung der calvinistischen Kirchenordnung grundlegend vom herrschenden Zeitgeist unterschieden.

Schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts entwickelte sich aus der ausgeprägten Volksfrömmigkeit des Mittelalters eine vorsichtige Skepsis gegenüber der Dominanz der einen Kirche. Wirtschaftlicher und politischer Einfluss, Sittenlosigkeit vieler Geistlicher und die gewollte Zurückhaltung der biblischen Wahrheiten gegenüber dem gewöhnlichen Volk wurden zur Basis offener Kritik.

Desiderius ERASMUS, 1465-1536Der Humanist Erasmus von Rotterdam kritisierte 1509:
... Zur selben Kategorie zähle ich die, welche in dem falschen, doch süßen Glauben leben, dass einer, der zufällig die Figur oder ein Abbild des heiligen Christophorus anschaut, an diesem Tag gegen den Tod gefeit bleibt; dass einer, der in den vorgeschriebenen Worten die Statue der heiligen Barbara anruft, den Wechselfällen des Kampfes entkommen wird; oder dass, wer an bestimmten Tagen bestimmte Kerzen vor dem Bild des heiligen Erasmus anzündet und dabei bestimmte Gebete spricht, bald ein reicher Mann sein wird. ... Da opfert ein Händler, ein Soldat, ein Richter einen Taler aus dem Gewinn so mancher Dieberei und glaubt, dass sei genug, in einem einzigen Augenblick den ganzen Dreck seines Lebens wegzuwaschen; jeder Meineid, jede Ausschweifung, Völlerei, jeder Streit, Mord, Betrug, Verrat könne gleichsam vertraglich wieder gutgemacht werden, und zwar so gründlich, dass sie sogleich die ganze Reihe ihrer Verbrechen von vorne beginnen dürfen.

So war die Reformation, ausgelöst durch die Thesen von Martin LUTHER (1517) und die Istitutio von Johannes CALVIN (1536), für die unruhigen Untertan willkommene Veränderung zur Freiheit des Gewissens.

Die katholische Kirche, geschwächt durch innere Probleme, Verschwendung und Prachtliebe, erkannte selbst, dass eine Reform notwendig sei. Dennoch war sie nicht in der Lage, Lösungen zu finden. So versuchte man die reformatorischen Bücher zu unterdrücken, verbot deren Druck und verlangte ihre Vernichtung. Kirche und Staat verbanden sich in der Bestrafung der Häretiker, denen sie mit unvorstellbarer Härte entgegentraten.

Überall starben sowohl Prediger wie Bekenner der neuen Lehre auf dem Scheiterhaufen.
Ein Pariser Bürger schrieb 1523 über die Hinrichtung des "Ketzers" Jacques de la CROIX: ... Das Gericht, bei dem man ihn angezeigt hatte, verurteilte ihn zum Feuertod bei lebendigem Leib ... Er sollte auf dem Place Maubert am Galgen aufgeknüpft und bei lebendigem Leib verbrannt werden ...

1559 bildete sich die erste Nationalsynode der Reformierten Frankreichs in Paris.
Drei Jahre später, im Jahr 1562, begannen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten mit dem Überfall eines reformierten Gottesdienstes in Vassy (Champagne) durch den Herzog von Guise.

BartholomäusnachtAm 24. August 1572 wurden in Paris tausende Hugenotten ermordet, die zur Hochzeit des protestantischen Heinrich von Navarra mit der katholischen Margarete von Valois, der Tochter der Königinmutter Katharina von Medici, nach Paris gekommen waren. Fünf Tage dauerte das Massaker. Auch in anderen Städten kam es zu ähnlichen Pogromen. Zwischen 10.000 und 20.000 Hugenotten im ganzen Land fanden den Tod in der Bartholomäusnacht.

Als Papst Gregor XIII. von dem Massaker hörte, ordnete er einen Dankgottesdienst an und ließ eine Erinnerungsmünze prägen.

Bis zum Jahr 1598 folgten weitere sieben Religionskriege, begleitet von unmenschlichem und brutalem Gemetzel auf beiden Seiten.

Nach 30 Jahren Krieg erließ Heinrich IV., umjubelt von einem kriegsmüden Volk, am 13. April 1598 das historische Edikt von Nantes, indem er den Reformierten begrenzte Gewissens- und Kultfreiheit gewährte. Der Papst verfluchte dieses Edikt und empfand es als das schrecklichste auf der Welt. Und die französischen Katholiken fühlten sich verraten und betrogen.

Aber die Unterdrückung der Hugenotten hielt weiter an, wenn auch die Freiheiten, wenigstens in den zugesicherten Freiräumen, zu gelegentlichen Erleichterungen führten. Streitigkeiten über die Auslegung des Edikts, die meistens blutig ausgetragen wurden, waren an der Tagesordnung. Nach dem Tod Heinrich IV. nahm der Druck auf die Protestanten noch mehr zu. Am 29. Oktober 1628 musste die Festung La Rochelle als letzter Sicherheitsplatz der Hugenotten nach 13 Monaten Belagerung kapitulieren.

Ludwig XIV. schrieb in seinen Memoiren: Das beste Mittel, die Anzahl der Hugenotten in meinem Königreich zu verringern, bestand darin, sie keineswegs durch neuerliche Härte unter Druck zu setzen, sie aber auf das zu verweisen, was sie unter den vorherigen Regierungen erhalten hatten, ihnen aber nicht mehr zuzugestehen.
Mittel der FolterMit allen möglichen Maßnahmen versuchte man durch Zwangsbekehrungen die Zahl der Protestanten zu verringern. Durch Dragonaden, das ist die Einquartierung königlicher Soldaten in protestantische Haushalte, wurde ab 1681 versucht, die Bekehrungsunwilligen zur Annahme des katholischen Glaubens zu zwingen. Das Leben als Reformierter in Frankreich wurde immer unerträglicher.

Mit der Aufhebung des Toleranzedikts durch das Edikt von Fontainebleau am 18. Oktober 1685, erlassen durch Ludwig XIV., sollte endgültig ein Schlussstrich gezogen werde.
Das Edikt bestimmte die Zerstörung der protestantischen Kirchen, ordnete katholische Zwangstaufe und Erziehung für bisher reformierte Kinder an und forderte die Pastoren auf, das Land innerhalb von 15 Tagen zu verlassen oder zu konvertieren. Ausdrücklich war es allen anderen Reformierten verboten, das Land zu verlassen.
Trotzdem konnten ca. 200.000 Hugenotten Frankreich verlassen und fanden, meist nach abenteuerlicher Flucht, eine neue Heimat in einem protestantischen Land.

Damit war die Verfolgung der reformierten Kirche in Frankreich aber noch keineswegs zu Ende. Nach 1685 traten viele Protestanten als Neukonvertierte der katholischen Kirche bei, mancher blieb aber innerlich seiner Überzeugung treu. Als Kirche der Wüste lebte der Protestantismus dank mutiger Bekenner im Verborgenen weiter. Vergeblich setzten sich 1702-1704 die wenigen Hugenotten in den Camisardenkriegen gegen die Brutalitäten zur Wehr.

Erst 1787 beendete Ludwig XVI mit dem Toleranzedikt von Versailles die Zeit der Verfolgung, in dem er die Hugenotten als Staatsbürger anerkannte.

Heute macht die Reformierte Kirche in Frankreich mit ca. 350.000 Mitgliedern einen kleinen aber wichtigen Anteil der Bevölkerung aus. Mehr Informationen hierzu erhalten Sie auf der Website der Eglise Reformee.